Grenzerfahrungen!?

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Ohje, Möchte meine Gedanken sammeln. Zurecht kommen mit den aufgekommenen Gefühlen, Bildern und Erfahrungen. Aber mehr dazu gleich…

Alles ist halbwegs gut

Wir sind heute nach Jordanien gefahren. In Jerusalem haben wir uns schon ein wenig zu Hause gefühlt. Ich hatte das Gefühl man kennt sich jetzt ein bisschen aus, man kennt ein paar Leute, vor allem mit Mira war es einfach und unkompliziert. Der Weg nach Jordanien war kompliziert. Es fahren keine Busse über die Grenze oder nur private oder was weiß ich. Man ist hier ständig confused und weiß nicht, was eigentlich Sache ist und was passiert und wie es funktioniert.

Wie auch immer, diese Grenzerfahrungen sind eigentlich nicht die, die gerade im Kopf sind, sondern die Nach-Grenzerfahrungen.

Unser Erster Toter am Straßenrand

Wir sind mit einem Taxifahrer die Straße gefahren und vor uns ist Rauch. Ein Unfall. Ok ein zerstörtes Auto liegt im Graben. Die Motorhaube eingequetscht. Ok weiter. Ein zweites Auto. Ein Frau ruft, sie wirkt verzweifelt. Ein, wahrscheinlich ihr, Mann ist noch im Wagen. Er scheint eingequetscht zu sein und schreit. Es raucht. Wir verstehen nichts, aber wir halten, rennen raus, zu dem Wagen. Die Motorhaube brennt. Der Mann schreit. Er kann nicht raus kommen. Das Feuer muss gelöscht werden. Klemens und der Taxifahrer rennen hin, sie finden einen Feuerlöscher um das Feuer zu löschen. Andere Leute kommen dazu.

Was ist das – im anderen Auto ist noch ein Mann. Verletzt. Klemens holt ihn aus dem Auto. Ich renne hin. Der Mann blutet aus dem Ohr, aus dem Mund. Es sind noch mehr Leute gekommen Der Mann blutet, scheint ohnmächtig. Warum hilft ihm keiner? Kümmert euch doch um ihn! Was ist denn los? Ich bin gelähmt, das ist alles unreal, ich habe Angst.

Ich gehe zum Auto, die Szene ist einfach furchtbar.

Was ist das? Dort liegen Klamotten auf der Erde… Nein das ist ein Mensch. Da liegt ein Mensch auf dem Bauch. Er rührt sich nicht. Klemens, was ist das – eine Leiche?

Klemens fühlt den Puls – kein Puls. Er ist tot. Ich habe Angst. "Hello, here is somebody! Hello, we need hospital. Hello Herr Polizist." Möchte er nichts tun? Ok he just call the emergency. Jetzt erst?

Immer mehr Menschen, immer mehr Trubel. Und immer noch Menschen die einfach vorbeifahren, hupen weil es nicht weitergeht. Aber immernoch ist der Mann eingequetscht, der andere liegt auf dem Boden ist ohnmächtig und einer vermutlich tot. Ok sie arbeiten daran den Mann zu befreien. Er ist bei Sinnen. Aber was ist mit den anderen beiden?

Nach Ewigkeiten kommt ein Krankenwagen. Ich bin fertig. Ich kann nichts tun. Bin geschockt von den Erlebnissen. Ich verstehe nichts. Klemens ist so gut, er ist voll Blut, weil er dem Mann geholfen hat.

Wir werden in ein anderes Taxi gesetzt. Wir fahren nach Amman. Im Auto kreisen die Gedanken und die Bilder. Hätte ich nicht etwas tun können, irgendetwas? Warum bin ich so gelähmt gewesen, anstatt den Mann auf die Seite zu legen, sein Blut zu stoppen, die Frau zu trösten, irgendetwas. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Bin überfordert.

Ich bin so stolz auf Klemens, er behält die Nerven, packt an, hilft. Aber ich merke, dass er fertig ist, dass die Bilder nachgehen, das ganze Geschehen. Wieso hat keiner geholfen. Wieso hat die Polizei nichts gemacht? Niemand hat den Puls gefühlt, die Strasse gesperrt, den ohmächtigen verletzten Mann in die stabile Seitenlage gelegt– wir verstehen es nicht. Wir sehnen uns in dem Moment nach einem Land, dass wir verstehen.

Im Nachhinein erfahren wir, dass es hier nicht unüblich ist, dass Anzeigen gegen Menschen die geholfen haben, gestellt werden, da diese dann für irgendwelche Verletzungen und Schäden am Anderen verantwortlich gemacht werden. So wird Geld kassiert. Oftmals so viel, dass die ganze Familie ein Leben lang in Schulden leben muss. Also lässt man andere lieber sterben, als zu helfen! Es gibt keine Erste-Hilfe Pflicht, im Gegenteil. Lieber nicht anfassen, sonst ist man nachher Schuld! Ich verstehe das nicht, das ist doch unmenschlich!

Nein das möchte ich nicht leben. Ich möchte mich lieber fragen, wie ich hätte helfen können, als mir Vorwürfe machen zu müssen, wenn ich helfe.

Verrückte Welt.

(Klemens:) jetzt kommen Tabeas lyrische Züge der Verarbeitung zum Vorschein:

Titel: Grenzerfahrungen

Stille Beobachterin, anwesend und doch nicht da.
Ich kann es nicht begreifen, was alles war.
Hier ist das Leben, ein fröhliches Sein,
Dort ist der Tod, ein großes Leid.
Friedlich zusammen, scheinbar vereint,
Wie ist es in der Not, ist man allein?
Was ist der Mensch für ein Geschöpf?
Sind wir alle gleich, oder haben wir die Wahl?
Ich schaue, sinnlos, gefühllos,
ich denke an zu Haus.
Sicherheit, Vertrautheit.
Du fehlst mir gerade.
Lass uns zusammen sein,
teilen, was immer geschieht.
Lass uns einander nie verlieren,
uns stärken, uns vertrauen und vergessen,
was hinter uns liegt.

(Klemens:) so, morgen gehts weiter, immer weitermachen! auch wenn uns die Bilder noch ewig im Kopf rumgeistern werden. Einwas werde ich nie vergessen. Wie ein kleiner Junge zu mir sagte, als er meine blutverschmierte Hose sah: "Good Mister!"